Misanthropolis

Tassilo Sturm

Besser scheitern

von Bettina Mühlbauer

Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern. Samuel Beckett

Der in Unna geborene und in Münster lebende Tassilo Sturm schafft in seinen installativen Arbeiten Räume, die er selbst als Schutzräume bezeichnet, urban shelters, die imaginären Bewohnern eine Zuflucht bieten sollen, Schutz vor einer als brutal empfundenen Realität. Die heimelig-unheimlichen Zufluchten und Traumstätten sind meist aus einfachen, jedermann zugänglichen Materialien gebaut, Pappe, Sperrholz, Palletten, Presspappe, Spanplatten. Zeltstoff. Oft sind das auch die dürftigen Mittel der Ausgegrenzten, der Macht-und Mittellosen, der gescheiterten Trabanten der der glitzernden Städte. Parallelen sind kein Zufall. Sturms eigenwillige sperrige Konstruktionen sind konkrete kleine Utopien, die ihre Besucher mitnehmen auf eine Reise ins Ungewisse. Ungewiss gleich in mehrfacher Hinsicht, die Bauten wirken zunächst behaglich, aber auch roh, fragil. Provisorisch, werden sie sich in einer feindlichen, unwirtlichen Umgebung behaupten können? In ihrer düsteren schlichten Behaglichkeit wirken die verlassenen Räume oft rührend, auf bedrückende Weise anziehend, jedoch immer auch diffus bedroht, vorübergend.

Zugleich beflügeln diese Bauten doch die Phantasie-, wer lebte hier?, was geschah an diesem Ort?, wo sind die Bewohner nun? Die Räume atmen noch die Hoffnungen, Träume , Entwürfe von einem besseren Leben ihrer imaginären Bewohner. So wirken diese Schutzbauten selbst schutzbedürftig, bedroht in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, in der der einzelne Mensch die Kontrolle zu verlieren droht.

Sturms Refugien, das sind seltsam aus der Zeit gefallene, mit schlichten Materialien sorgsam gebaute Anderswelten. Sie spiegeln den Wunsch des modernen Menschen wider nach Einfachheit und Beherrschbarkeit im Dschungel der Zivilisation. Die Erschaffung einer eigenen kleinen Welt.

Sturms Bauten sind trotzige, poetische Gegenentwürfe zur modernen Perfektion. Es sind nicht nur Rückzugsorte, nein es sind auch Symbole der Verweigerung; das Scheitern wird bewußt riskiert.

Immer jedoch künden diese Bauten vom Rückzug, von der Einsamkeit, ja von Enttäuschung, Desillusionierung und Misanthropie. Es sind keine Räume der Geselligkeit, der Gemeinschaft, dazu sind sie notdürftig, zu unbehauen, zu verlassen. Ein einzelner Mensch hat mit einfachsten Mitteln versucht sich ein Obdach zu geben…

Misanthropen , so sagt man, seien enttäuschte Idealisten. Schon Molières Misanthrop wollte sich aus Enttäuschung über die Welt auf sein Landgut zurückziehen. Der Erkenntnis von Lüge , Opportunismus, Willkür, Ausgeliefertsein - folgt die Weigerung in diesem korrupten System mitzutun. Der Rückzug scheint die einzig logische Konsequenz. Doch darin liegt zugleich auch eine Kapitulation, ein „Ich kann doch nichts verändern“-Statement., mit dem man das Feld genau denen überläßt, die es ausschließlich zu ihren eigenen Gunsten beackern…

Jedoch – man kann sich trotzig und ostentativ verweigern… den Kampf aufnehmen, wie einst Don Quijote, der Ritter, er nahm den Kampf gegen die Windmühlenflügel auf, sinnlos –mag man denken, trottelig –mag man denken, aber dennoch, wieder versuchen, besser scheitern.

Sturms Bauten sind solche DENNOCH- Bauten. Noch mal den Stein hinaufrollen, wir denken an Sisyphos, noch mal alles versuchen, eine Utopie entwerfen, und wenn der Mensch auch nie fliegen wird, was schon Leonardo da Vinci einsehen mußte, so fliegen doch die Gedanken, die Phantasien, die Ideen beim Begehen und Erleben der hermetischen, widersprüchlichen, wehrhaften Sturm- Bauten.

Diese Bauten sind unbequem, sie fügen sich nicht ein, sie fügen sich NICHT, sie sind unpassend und stellen gerade durch ihre Verweigerung alles Geregelte, alle Regeln in Frage. Scheitern kann man, versuchen muß man es.